Markus Ziegler
Städtisches Willi-Graf-Gymnasium, München
12. – 13. Klasse, Leistungskurs Kunst, 17 - 20 Jahre

Auslösen

Seit geraumer Zeit taucht in den öffentlichen Diskussionen zur Münchner Stadtplanung immer wieder die Überlegung auf, das Schienennetz der Bundesbahn innerhalb der Stadt mit dem Hauptbahnhof unter die Erde zu verlegen. Unabhängig von bereits bestehenden Planungen für das somit freiwerdende Areal sollte der Leistungskurs Kunst, bestehend aus 14 Schülerinnen und 7 Schülern, Ideen für eine durch diese Maßnahme möglich werdende neue Nutzung und damit Bebauung entwickeln.

Anregen

Verschiedene Bereiche der Architektur fanden hier ihre Berücksichtigung: Stadtplanung, Hochbau und Landschaftsarchitektur. Die Ideen der Schüler sollten in einem großen städtebaulichen Gesamtmodell, sowie in Fotomontagen und Computeranimationen umgesetzt werden. Die Annäherung an das Thema erfolgte spielerisch. Frei von Regeln, Bauverordnungen und ähnlichem konnten die Schüler in Skizzen ihre ersten Gedanken entwickeln. Die spätere Nutzung spielte zu diesem Zeitpunkt noch keine große Rolle. Es ging in der Aufgabe im ersten Schritt um Ideen zur Stadtplanung, Gebäudetypologien, Maßverhältnisse und kreative Gestaltungsansätze.

Architektur – eine fremde Materie

Obwohl man sich ständig in Architektur bewegt, in und mit ihr lebt und ihr auch unablässig ausgesetzt ist, war vielen Schülern die Materie fremd. Anfangs ratlos, wussten sie nicht, wie sie das Architekturprojekt angehen sollten. Glücklicherweise fand zu dieser Zeit eine Ausstellung des Kongolesen Bodys Isek Kingelez in der Villa Stuck in München statt. Kingelez entwirft scheinbar spielerisch und mit einfachsten Mitteln utopische, mehrere Meter große Stadtmodelle. Der Besuch dieser Ausstellung war also der erste konkrete Schritt in der Beschäftigung mit Architekturdarstellung und begeisterte die Schüler. Ihre Entwürfe wurden durch diese Anregung fantasievoll und frei.

Nach der Ausarbeitung der Zeichnungen einigte sich der Kurs auf einen Maßstab von 1:100 und jeder Teilnehmer begann mit dem Bau eines eigenen Modells. Schon zu diesem Zeitpunkt ging, bedingt durch die Größe der Modelle, ein Teil des ursprünglichen Konzeptes verloren. Es wurde klar, dass sich die Planung und somit das Gesamtmodell nicht über das ganze Planungsgebiet erstrecken konnte, die einzelnen Modelle waren zu groß. Für die Gesamtplanung hinderlich – für eine große Auswahl an Einzelkreationen durchaus von Vorteil.

Ausbauen

Die Schüler bauten Ihre Architekturmodelle aus verschiedenfarbigen Papieren und Pappen. Den entstehenden Gebäudemodellen haftete etwas Skulpturales an, die äußere Form gewann an Priorität gegenüber einer möglichen Nutzung bzw. der Funktion. Mit funktionalem Bauen verbanden die meisten eine kühle Architektur, die nicht ihren Vorstellungen eines menschengerechten Bauens entsprach. Auch die Beschäftigung mit Architekturkonzepten des 20.Jahrhunderts, wie beispielsweise mit dem Bauhaus, führte zu keinem besseren Verständnis. Zu groß waren die Widerstände gegen eine Architektur der Moderne, die sich für viele besonders in unserer Schule, Baujahr 1972, von ihrer negativen Seite zeigte.

Die Problematik der Stadtplanung und der Landschaftsarchitektur rückte erst nach der Fertigstellung der Modelle wieder ins Blickfeld. Eine Schülerin, die sich schon in ihrer Facharbeit intensiv mit der Bildbearbeitung am Computer beschäftigte, begann sich Gedanken über die Zusammenstellung der Gebäudekomplexe zu machen, indem sie in verschiedenen Versionen die fotografierten Modelle in Ansichten des realen Bauplatzes montierte. Die Ergebnisse überzeugten durch ihre anschauliche Darstellung und die professionelle Computerbearbeitung. Das Großmodell, das zu Beginn der Projektarbeit noch das eigentliche Ziel war, kam zumindest in dieser virtuellen Form zustande. Es zeigte anschaulich die mögliche Einbindung des Gebäudekomplexes in den städtebaulichen Kontext.

Pädagogischer Spielraum

Durch die anfangs geförderte individuelle Herangehensweise war eine Einigung auf ein großes Gesamtmodell langsam in den Hintergrund getreten, den Modellen der Schüler war nur noch der Maßstab 1:100 gemein. Die Projekte entwickelten ihre Eigendynamik. Nun also gab es viele individuelle, visionäre, gar utopischem Entwürfe, ohne stadtplanerischen Bezug, im Stile von Kingelez. Zwar wurden die einzelnen Architekturkörper zusammengestellt, jedoch gingen die Schüler weniger auf die örtlichen Gegebenheiten bzw. die Gesamtkonzeption ein. Es ist ein schwieriges pädagogisches Unterfangen, auf gemeinschaftskundliche und damit soziale Aspekte im Unterricht zu verweisen. Aber es ist zwingend: als Pädagoge verstehe ich mich auch als Vermittler sozialer Kompetenzen, um gemeinsam eine Gesamtidee zu visualisieren, unabhängig von der Verliebtheit in die jeweils eigene Kreation.

Ebenso diffizil ist es, in der künstlerisch-kreativen Arbeit Grenzen zu setzen bzw. diese wieder zu weiten. Ist ein bewusst freier, spielerischer Zugang zu wählen oder ein streng in stadtplanerische Realitäten eingeschränkter?

Vielleicht gerade weil diesem Projekt ein eigener Weg innewohnte, entwickelte sich bei Oberstufenschülern durch ihre intensive Arbeit und Auseinandersetzung an ihren Modellen, eine Schärfung des Bewusstseins für Architektur, für ihre Planung und Verwirklichung, für ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen.