Umfeld
Selten nehmen Jugendliche ihre bebaute Umgebung bewusst wahr, obwohl sie sich täglich darin bewegen. Sie gewöhnen sich an das, was sie umgibt, „konsumieren“ ihr Zimmer, ihre Wohnung oder ihr Haus, auch ihr Schulhaus häufig gedankenlos und unreflektiert. Schülern ist kaum bewusst, dass soziale und wirtschaftliche Bedingungen die gebaute Umgebung beeinflussen und ihr Leben prägen.
Konzept
Das Projekt „Dort wo ich lebe …“ hatte zum Ziel, die Wahrnehmung der Jugendlichen gegenüber ihrer eigenen, ausgesprochen regional geprägten Allgäuer Umgebung zu sensibilisieren, sich ihres täglichen Umfeldes bewusst werden zu lassen und dieses wertend wahrnehmen zu können. Die Schüler der Johann-Jakob-Herkomer-Realschule, Füssen, wohnen in einer stark ländlich geprägten Umgebung des Voralpenlandes und finden dort neben zeitgenössischen, modernen Bauten vornehmlich Gebäude im regionalen Stil sowie alte, teilweise auch denkmalgeschützte Häuser vor.
Umsetzung
Beim Begehen ihrer heimischen Umgebung war es Aufgabe, Gebautes gezielt wahrzunehmen und zeichnerisch und fotografisch in einer Materialsammlung zu dokumentieren. Die Schüler sollten sich in ihrer Darstellung auf einen architektonischen Ausschnitt wie z.B. Fenster, Balkone, Türen oder Bodenbeläge bzw. auf ein städtebauliches Element wie Brücken, Brunnen oder Gärten konzentrieren.
Dieser Prozess des Sehen Lernens war eingebettet in eine Unterrichtseinheit, die zunächst Grundlagen der dreidimensionalen Raumgestalt vermittelte: Auseinandersetzung mit Ingenieurbauten und Architekturfotografie des 19. und 20. Jahrhunderts sowie perspektivisches Zeichnen.
In einem zweiten Schritt lernten die Schüler die Baugeschichte des Voralpenlandes kennen und erhielten die Möglichkeit, während Projektbesichtigungen von Bauten aus der Region in Gesprächen mit Architekten Beurteilungskriterien für qualitätsbewusstes Bauen kennen zu lernen. Rege und auch kontroverse Diskussionen begleiteten die Wertung von positiven und negativen Beispielen Allgäuer Architektur. Ein Besuch der Klasse im Architekturbüro Klaus Stein veranschaulichte die Arbeitsfelder eines Architekten vom Entwurf über die CAD Ausführung bis hin zur konkreten Baumaßnahme und der Umsetzung anhand eines konkreten Bauprojekts „Kindergarten“. Klaus Stein besichtigte später mit der Projektgruppe den fertig gestellten Kindergarten. Auch Architekt Martin Endhardt unterstützte das transform 2 r.a.u.m. Projekt beratend mit umfangreichem Material zum Thema Passivhaus und energiesparenden Bauen.
Praktische Übungen zu Layout und Schriftgestaltung schlossen sich an, um Bild und reflektierenden Text auf zwei Tafeln adäquat präsentieren zu können. Die Entwicklung der Texte erfolgte in fächerübergreifender Zusammenarbeit im Deutschunterricht, in dem zeitgleich das Thema der „Argumentation“ behandelt wurde. Diese redaktionelle Arbeit war für manche Schüler der schwierigste Teil, da nun Werturteile überzeugend begründet werden musste.
Analyse
Das wachsende Interesse der Schüler an Bauten ihrer direkten Umgebung und eine Identifikation mit positiv zu bewertenden Architekturbeispielen hatte auch eine sich wandelnde Einschätzung von zeitgenössischer Architektur zur Folge. Der Austausch mit dem Fachmann, dem Architekten, hat Verständnis und Interesse für die Aufgaben dieses Berufs hervorgerufen.
Das veränderte Bewusstsein bezüglich Bau- und Wohnqualität, Materialeinsatz und Formverständnis wird sich nach Aussagen der Schüler auch auf den privaten Bereich auswirken.
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